„Die Spieler müssen Mentalitätsmonster werden“

Neuer BSV-Trainer Steffen Dieckermann lehnt an Trainerbank im Burgwall-Stadion
Der zukünftige 1. Herren-Trainer Steffen Dieckermann möchte eine Gemeinschaft formen und aus seinen Spielern Mentalitätsmonster machen (Foto: Jens Pillnick).
Der neue BSV-Trainer Steffen Dieckermann im Interview mit DIE NORDDEUTSCHE

(Quelle: Weser-Kurier)

Nach sieben Jahren als Trainer beim TuS Komet Arsten erfolgt mit dem Wechsel zum Blumenthaler SV ein Schlussstrich. Haben Abnutzungserscheinungen für das Ende gesorgt?
Steffen Dieckermann: Nein. Abnutzung war nicht der Grund. Ich kann mich immer motivieren. Es ist viel passiert in den letzten Jahren. Von daher kam dann der Entschluss, dass am Ende dieser Saison das Kapitel TuS Komet Arsten beendet ist.

Was nehmen Sie aus dieser Zeit mit?
Es war eine super geile Zeit, in der ich mich menschlich und als Trainer weiterentwickelt habe. Es wäre schön gewesen, diese Zeit mit dem Aufstieg zu vergolden. Doch dann kam diese blöde Kuh Corona.

Wie haben Sie den Wechsel vom Spieler zum Trainer erlebt?
Der Blickwinkel ändert sich. Als Erstes habe ich meine alten Trainer alle verstanden. Man muss Gemeinschaften formen, Regeln für die Mannschaften aufstellen und dafür sorgen, dass von der Nummer 1 bis zur 24 alle zusammenhalten. Dass man dabei anfangs viele Fehler macht, dessen muss man sich bewusst sein. Daraus lernt man und kann sich verbessern.

Welcher Ihrer Trainer hat Sie am meisten beeindruckt?
Lutz Göbert hat mich in meinem Denken, was Fußball angeht, sehr geprägt. Der war akribisch, hat alles dokumentiert. Er war sechs Jahre in Horn und kurz in Lesum mein Trainer und hat damals die Viererkette in der Bremen-Liga eingeführt.

Was hat Sie als Spieler ausgemacht?
Jeder in der Mannschaft wusste, dass ich immer 150 Prozent gebe. Ich war ein Arbeitertyp. Es war nicht gerade ein Geschenk, wenn man mich als Gegenspieler hatte. Ich war nicht der beste Fußballer, aber mit Ehrgeiz, Herz und Leidenschaft kann man viel wettmachen. Ich führe das auf meine roten Haare zurück. Rothaarige sind ehrgeiziger als andere. Beliebt war ich nie – aber das war auch nicht mein Motto.

Inwieweit setzt sich die Einstellung, die Sie als Spieler hatten, jetzt bei ihrer Tätigkeit als Trainer fort?
Ich bin ein Trainer, der vorneweg geht. Ich habe die Mannschaft, die ich trainiert habe, immer hinter mich gebracht, die Spieler haben mir geglaubt. Ich will eine Brücke schlagen von den Spielern zum Trainer. Ich stehe auf und will gewinnen. Und das vermittle ich und will im Training Vollgas sehen. Natürlich muss man dabei die Balance zwischen Spaß und Leistung beachten. Wenn man eine richtige Gemeinschaft ist, hat man im Spiel schon mal einen der drei zu vergebenen Punkte – unabhängig von der Liga.

Welche Fußball-Philosophie bringen Sie mit an den Burgwall?
Ich werde hier super Spielermaterial haben. Natürlich möchte ich offensiv und aggressiv spielen lassen. Aber den Stil und das System muss man sich erst einmal erarbeiten. Ich lege Wert auf Kompaktheit und möchte hoch verteidigen lassen. Gerne mache ich das mit einem 4-1-4-1-System. Aber letztlich steht und fällt alles mit der Galligkeit der Spieler. Ich bin gallig. Die Spieler müssen Mentalitätsmonster werden. Der Gegner muss schon schwere Beine bekommen, wenn er den Burgwall hochkommt.

Wie haben Sie die Verantwortlichen davon überzeugt, dass Sie der Richtige für den BSV sind?
Da müssen Sie eigentlich eher Peter Moussalli fragen. Aber ich denke, dass ich in den Gesprächen authentisch rübergekommen bin und mich auf die Kernelemente beschränkt habe. Es hat die Verantwortlichen sicher getoucht, dass wir bei Komet Arsten kaum extern Zugänge hatten und ich das Optimum herausgeholt habe – das ist vielleicht der Ritterschlag. Und die Kontinuität hat überzeugt: Ich bin beruflich konstant, in der Ehe konstant, als Fußballer konstant.

Die Spieler haben gewartet, wer neuer Trainer wird. Die Trainerinteressenten wollten wissen, welche Spieler bleiben. Über viele Wochen drehte sich alles im Kreis. Wie ist der Stand der Dinge aktuell?
Zunächst müssen wir einen Blick darauf werfen, wo wir Baustellen haben. Um Neuzugänge bemühe ich mich in Absprache mit Peter Moussalli, Timo Lochner und Rainer Raute. Die Rückmeldung aus dem vorhandenen Kader darauf, dass ich der neue Trainer bin, habe ich als positiv empfunden. Wir hatten eine Videokonferenz und ich habe schon viele Telefonate geführt. Ich mache den Spielern keinen Druck, werde ihnen aber auch nicht wochenlang hinterherrennen. Ich bin mir zu 100 Prozent sicher, dass wir eine gute Truppe zusammenbekommen werden.

Nach welchen Kriterien stellen Sie einen Kader zusammen?
Das Konglomerat muss charakterlich zusammenpassen. Die Spieler müssen verstehen, dass sie eine Gemeinschaft sind. Aber natürlich muss auch ein Grundgerüst vorhanden sein.

Wie würden Sie Ihre kurz-, mittel- und langfristigen Ziele umreißen?
Einen Fünf-Jahres-Plan oder so etwas will ich nicht aufstellen. Man muss die Saison leben. Mein Anspruch ist nicht ein gesicherter Mittelfeldplatz. Für das Ziel Platz vier bis acht bin ich der Falsche. Wir wollen uns in der Top 4 wiederfinden. Wichtig ist, dass die Bremen-Liga wieder spannend wird. Vielleicht stellen wir ja das Zünglein an der Waage.

Der Blick auf diese Saison lässt weiterhin viele Fragezeichen erkennen. Wie sieht für Sie die Lösung für die gerade unterbrochene Spielzeit aus?
Wir befinden uns in einem Fahrwasser, in dem es keine gerechte Lösung gibt. Einige Vereine werden immer auf der Strecke bleiben. Ich wünsche mir einfach, dass wir Ende August/Anfang September die neue Saison beginnen können.

Der Lotto-Pokal, in dem der Blumenthaler SV im Halbfinale steht, ist traditionell ein großes Thema am Burgwall. Welchen Stellenwert hat er bei Ihnen?
Schon immer einen hohen. Wenn ich mir die Historie beim Blumenthaler SV ansehe, reizt es mich, ein Endspiel zu bestreiten. Und dann will ich es natürlich auch gewinnen. Für einen Trainer ist es schließlich das Nonplusultra, sein Team auf ein DFB-Pokal-Spiel gegen einen Bundesligisten vorzubereiten. Es ist ein Tag, an dem man der König ist. Es ist wie ein Geburtstag. Danach kommt aber wieder die Liga und man muss sich auf das Wesentliche konzentrieren.

Das Gespräch führte Jens Pillnick.

Zur Person

Steffen Dieckermann ist 45 Jahre alt und war als Spieler für den Habenhauser FV, TV Eiche Horn, TSV Lesum-Burgdamm, FC Oberneuland und den SC Weyhe aktiv. Als Trainer trug er zuletzt sieben Jahre lang bei der ersten Herren des TuS Komet Arsten die Verantwortung, zuvor hatte er dort die dritte und zweite Herren trainiert. In der kommenden Saison wird der Niederlassungsleiter eines Personaldienstleisters die Bremen-Liga-Fußballer des Blumenthaler SV trainieren. Steffen Dieckermann ist mit Ann-Christine verheiratet und hat vier Kinder: Emil und Elsa (beide vier), Luisa (12) und Alicia (21.).